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„WIE ES IM TODESTRAKT IST“ Von Mark A. Davis 25. MÄRZ 2002 |
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EINLEITUNG In Worte zu fassen, wie es ist, im Todestrakt zu leben, war keine leichte Aufgabe. Ich wurde am 6. August 1985 verhaftet, am 30. Januar 1987 zum Tode verurteilt und kam am 3. Februar 1987 in den Todestrakt von Florida... Man sollte meinen, dass es einfach wäre, aber ich habe mich wirklich fast zwei Wochen lang bis spät in die Nacht und in den frühen Morgen darüber gequält, was ich schreiben wollte, was ich geschrieben habe und was diese Worte für mich bedeuten. ..... Um zu erklären, wie es im Todestrakt zugeht, musste ich sowohl mich selbst erklären als auch mich selbst verstehen. Dies ist meine Sichtweise, wie ich sie sehe und wie ich sie lebe... Der Albtraum ist meiner. Der Traum ist hoffentlich unserer. Ich komme aus Illinois, bin 38 Jahre alt und war über die Hälfte meines Lebens im Gefängnis. Ungeachtet dieser (17) Jahre habe ich davor fast oder knapp über (5) Jahre insgesamt für Verbrechen bekommen, die, wenn man sie wahrheitsgemäß erzählt, die Höhepunkte von „Dummen Verbrechen“ bilden würden. Die letzte und einzige Verurteilung als Erwachsener stammte aus einem übereilten Einbruch in ein bekanntes Autowerkstatt-Franchise-Unternehmen. Nach dem Gesetz von Illinois wurde ich zu 3 Jahren verurteilt, von denen ich 15 Monate absaß. Die „Beute“ des Verbrechens waren (4) kaputte Autoradios! Ich kam im Alter von 21 Jahren in den Todestrakt und war meilenweit von zu Hause entfernt. Sie haben
die Website mit der virtuellen Zelle gesehen ... diese Zellen
befinden sich im Florida State Prison (im Folgenden F.S.P.). Die
Einheit, in der ich mich jetzt befinde, wurde 1992 gebaut und heißt
Northeast Unit. Sie ist Teil der Union Correctional Institution (im
Folgenden U.C.I.), das F.S.P. ist weniger als eine halbe Meile
entfernt und vom Hof aus immer noch sichtbar.Das F.S.P. war und ist eine Müllhalde, als ich ankam, war es von Ratten und Kakerlaken befallen, die Fenster waren größtenteils zerbrochen. Es gab Tage im F.S.P., an denen man trotz aller Kleidungsstücke, die man bei sich trug, trotz mehrerer Decken und Zeitungen, die in und durch die Gitterstäbe gewebt waren, die Kälte nicht vertreiben konnte. Aber man hatte keine Wahl; man ertrug die Kälte und auch die eisige Luft derer, bei denen man sich beschwerte. Das F.S.P. ist der Ort, an dem sich die Hinrichtungskammer befindet. Die erste Hinrichtung, die nach meiner Ankunft stattfand, war im Dezember (Anm.d.Red.: Er korrigiert den Monat im nächsten Artikel von 2004 auf August) desselben Jahres. Das Flackern der Lichter ist nur Hollywood-Märchen, was tatsächlich passiert, ist in meiner Vorstellung noch schlimmer. Kurz vor 7 Uhr morgens gehen alle Lichter und der Strom aus, kurz darauf gehen sie wieder an, was ein Signal dafür ist, dass das Gefängnis auf Generatorstrom umgestellt hat. Philosophisch gesehen wird die Hinrichtung durch den Willen des Volkes aus eigener Kraft vollzogen. Einige schlafen durch, aber von denen, die wach sind, hört man das Klicken der Fernsehkanäle, in der Hoffnung auf Nachrichten, was sie zu hören wünschen, weiß ich nicht genau, aber ich bin auch daran mit schuld. Normalerweise geht spätestens um 7:15 - 7:20 Uhr der Strom wieder aus, dann geht es wieder „normal“ weiter, mit freundlicher Genehmigung der öffentlichen Versorgungsbetriebe! Nun hören sie noch mehr das Klicken von Fernsehgeräten; die Hinrichtung ist vorbei ... oder doch nicht? Dann hört man „Schalten sie auf diesen oder jenen Kanal“. Die Szene, die sie erwartet, ist eine von Menschen, die gegenüber dem Gefängnis auf einem Feld wachen, wo weniger als eine Stunde zuvor noch Hoffnung herrschte, aber jetzt stehen sie in Erinnerung. Oder vielleicht sehen sie eine Zeitverzögerungsaufnahme, die einen Mann zeigt, der die Kammer verlässt und ein Stück Papier schwenkt, was ein stilles Zeichen dafür ist, dass die Hinrichtung vollzogen wurde, er wird von den Menschen auf dem Feld mit Jubel und Tränen empfangen. Ja, viele haben auf dem Feld gewacht und sich auf die Hinrichtung gefreut, und sie feiern ihren Abschluss. Ich habe auf beiden Seiten der Hinrichtungskammer gelebt. Von meinen Fenstern aus konnte ich diese Szenen sehen. Vor einer Hinrichtung sah ich, wie die Transporter mit den Zeugen die Menschen, die „zuschauen“ sollten brachten. Ich werde nie die Frau in dem mit Blumen bedruckten Kleid vergessen, die Perlen trug an diesem Ort ohne lebendige Farben, und ich werde auch nicht vergessen, wie der Mann mit dem Stück Papier winkte, das die Vollendung in Echtzeit signalisierte... Diese Einblicke sind selten, meistens ist alles an der Eingangs-/Ausgangstür im hinteren Teil des Raums dicht abgeschirmt, so dass die Fenster nicht zu sehen sind. Die am häufigsten geteilte Ansicht ist die der gleißenden Lichter… die aus den Fenstern fallen, in denen der Stuhl in der Nacht einer Hinrichtung steht, und nur in der Nacht davor bleiben diese Lichter an. Wenn der Morgen naht, sieht man wieder Wachen postiert – in einem ansonsten ungenutzten Beobachtungsturm sowie einen auf dem Gebäude, das das Stomaggregat beherbergt. Was man jedes Mal sieht, ist der Leichenwagen, der hereinkommt und wieder verschwindet… Ich frage mich oft, was in den anderen vorgeht, wenn ihre Schatten – von hinten angestrahlt – reglos an den Türen stehen. Stumm strecken diese Schatten sich nach dem vergitterten Fenster aus… War es ein Winken? Oder ein tastendes Greifen, während sie denken: Wann bin ich dran? – oder heimlich hoffen, es wären sie, einfach damit alles endlich vorbei ist. Ein Gefühl, das ich sehr gut kenne. Als ich das erste Mal in die Death Row kam, dauerte es nicht lange, bis ich mich umsah und mir nicht gefiel, was ich sah... aber das Gefühl ging vorbei. Zehn Jahre später, 1998, war ich wieder überwältigt. Ich schrieb viele Briefe, außer dem an den Gouverneur. Nachdem ich tagelang über mein Vorhaben nachgedacht hatte - es war nur eine Stunde, nachdem die Post weg war -, änderte ich meine Meinung. Eine Entscheidung, die ich bis heute in gewissem Maße hinterfrage und bedenke. Die Liste der Briefe, die ich in jener Nacht abschickte, war lang - einige gingen sogar an Familienmitglieder... Doch Antworten erhielt ich nur zwei, und diese kamen von beinahe Fremden, denen ich um Rat geschrieben hatte, wie ich meine Entscheidung am besten nutzen könnte, um anderen zu helfen. Keiner von beiden bot mir konkreten Rat an, doch beide ermutigten mich, weiterzukämpfen. Beiden schreibe ich bis heute. Ihre Briefe an mich sind relativ kurz und mitunter lässt die Antwort lange auf sich warten. Doch meine Briefe an sie sind häufig und manchmal sehr lang. Was meine Familie betrifft - sie liebt mich und ich sie. Meine Mutter schreibt treu, durch sie halte ich Kontakt und erfahre vom Leben der anderen. Ich habe vier Geschwister, einen jüngeren und drei ältere; sie schreiben meist nur kurze Zeilen zu Feiertagen. Von einem habe ich nie einen Brief oder eine Karte erhalten, und zwei davon habe ich in 17 Jahren nur zweimal gesehen. Wenn dann doch Briefe kommen, sind sie voller erneuerter Versprechungen, die eigentlich nur Wiederholungen der letzten Feiertagskarte sind - und das bleibt so, bis es wieder Zeit ist, sie zu erneuern. In Floridas Todestrakt gibt es kein Telefonzugang. An den seltenen Tagen, an denen man für eine Gerichtsanhörung herauskommt und ein Telefon benutzen darf… rufe ich pflichtbewusst alle an. Und wieder sage ich: „Schreibt einfach.“ Doch ich höre all die Versprechen diesmal aus erster Hand… es ändert sich nichts. Ich verlange selten mehr von irgendwem als das, was ich als das Allerschwierigste kennengelernt habe… ihre Zeit. Ich lebe in einer Welt, in der kaum etwas greifbar ist – einer Welt voller Erinnerungen, an die ich mich teils nicht mehr erinnere, und von denen ich manche lieber vergessen würde. Früher bat ich um einfache Fotos von mir in ihrer Welt. Bis die Behörden Floridas entschieden, wir bräuchten keine Bastelarbeiten mehr, um die Zeit totzuschlagen. Ich malte viel. Habe unzählige Bilder gemalt. Ich habe sie alle darum gebeten... "Ich sehe nichts von mir in eurer Welt – wie wäre es, mir ein Foto von dem Gemälde zu schicken, das ich gemacht habe? Ich freue mich über eure neue Küche, aber das würde mir wirklich etwas bedeuten." Jahre sind vergangen. Ich frage nicht mehr. Ein einziges Bild habe ich von jemand anderem bekommen. Und wenn ich heute erzähle, was ich früher tat, dann prahle ich damit. Es gibt Männer hier im Todestrakt, die überhaupt keine Familie haben. Manche haben ihre Angehörigen nie kennengelernt. Bei anderen liegt ein so tragischer Lebensweg hinter ihnen, dass sie sich niemals davon erholen werden – nie wieder ganz heil. Etwa einmal im Jahr erhalte ich einen Brief von einem Kind, das ich mit vier oder fünf kannte – vielleicht eine Nichte, eine Cousine… jetzt junge Erwachsene, die eigene Familien gründen. Sie fragen: „Warum bist du da?“ und fügen hinzu: „Niemand spricht über dich, ich habe mich immer gefragt…“ Zwar ist es wahr, dass ich kaum Lebenszeit mit ihnen teilte – hier ein paar Monate, da ein paar – doch es gibt Erinnerungen, die wir gemeinsam haben. Es gibt keine weiteren Bitten um Briefe mehr, nicht mal um kostenlose Rechtsinformationen, von denen ich auf Websites lese… die Verbindung wird nie wieder dieselbe sein. Ich habe zu viel Angst, einen Brief voller Hoffnung noch einmal zu beantworten… Vielleicht fürchten sie sich ebenso sehr wie ich, doch das werde ich nie erfahren… Auch sie sind Opfer! Ich habe meinen Anwälten in langen, teils wirren Schreiben eindringlich geraten, genau abzuwägen, was sie von meiner Familie erfahren. Wir sind 17 Jahre getrennt – sie werden versuchen, alles Mögliche und mehr zu sagen, doch letztlich stammt alles, was sie wissen, aus einem Leben, das sie kaum kannten. Ich war kein Engel, nicht mal der ideale Bruder – schon damals nicht. Briefe von Anwälten sind ebenso selten. Wenn sie eintreffen, enthalten sie kaum mehr als ein, zwei Zeilen – nie eine wirkliche Diskussion der Briefe, die ich geschickt habe. Oft gehen Fragen oder Ideen sang- und klanglos unter, einfach weil sie in ihren besser geschulten Köpfen als irrelevant abgetan werden. Ich warte trotzdem auf Antwort – und wenn mal ein Besuch stattfindet (der auch immer kurz ist), habe ich immer noch ungeklärte Fragen… Florida hat wenige Anwälte für die große Anzahl von Todestraktinsassen, und noch weniger, die echte Leidenschaft und Hingabe für ihre Aufgabe zeigen. Ich habe Glück: Ich habe zwei, die zu den Besten ihres Fachs gehören. Nun ja, eine ist ein aufstrebendes Talent. Bei einer kürzlichen Anhörung besuchte sie mich im Bezirksgefängnis. Als ich um die Ecke zum Besuchsraum bog, stand sie im Flur, wo ein Dutzend Insassen Zettel an die Scheibe drückten… Sie verstand nicht ganz, worum es ging – in ihren Augen suchten sie einfach nur einen Anwalt. Alles, was ich hörte, war wie sie sagte: „Ihr habt keinen Anwalt?“, während sie dieselbe Frage an den Polizisten richtete… Diese Hingabe für die Entrechteten ist für mich das Markenzeichen eines guten Strafverteidigers. Also lächelte ich nur, bugsierte sie schnell in den Raum, erklärte ein bisschen – und vielleicht erzähle ich ihr eines Tages die ganze Geschichte. Todesstrafenverteidiger sind ein besonderer Schlag Mensch. Manchmal streite ich mit meinen bis zur Erschöpfung, aber am Ende bin ich mir sicher - selbst wenn ich es nicht verstehe, sie verstehen es, und das zählt. Ich schreibe heutzutage nur noch wenigen: drei freien Personen, Anwälten und meiner Mutter... Von meiner Mutter bekomme ich ziemlich sicher alle paar Wochen einen Brief, bei den anderen können Monate zwischen Briefen vergehen. Anwälte haben ohnehin genug um die Ohren. Oft bei der Postausgabe setze ich mir einfach still meine kleinen Kopfhörer auf. Das Bedürfnis nach Kommunikation bleibt – ich kompensiere meinen Mangel daran, indem ich Hunderte Briefe im Jahr schreibe, nicht unbedingt an diese wenigen, auch wenn es ihnen vielleicht so vorkommt... Ich habe Todesangst davor, eine lebenslange Haftstrafe zu bekommen: den Kontakt zu den wenigen, die ich noch habe – Anwälte eingeschlossen – zu verlieren, sowohl für meine rechtlichen Bemühungen als auch einfach für ihre bloße Anwesenheit. Doch ich lehne die Todesstrafe entschieden ab – deshalb schreibe ich Fremden. Bis heute habe ich keine einzige Antwort erhalten. Ich habe an alle möglichen Leute geschrieben, von Ärzten bis zu Handwerkern, die irgendwo ihre Dienste angeboten haben. Ich liefere ihnen dann eine einfache, allgemeine Argumentation gegen die Todesstrafe – manchmal lege ich einfach ein Moratoriums-Infoblatt ohne Begleitbrief bei... Es hält mich beschäftigt, und ich hoffe, es bewirkt etwas. Die Todesstrafe ist für viele zu einem abstrakten Phänomen geworden. Allein durch einen Brief aus dem Todestrakt wird sie ganz real – und ich hoffe, real genug, um jemanden zum Nachdenken zu bringen... Einige Männer schalten Anzeigen für Brieffreunde, um die Lücken in ihrem Leben zu füllen - sei es Freundschaft, Liebe, juristische Hilfe oder einfach der Kontakt zu einem anderen Leben. Ich habe das nie gemacht. Ich will die Leere in meinem Leben nicht leugnen, aber ich will sie auch nicht anerkennen... Wen interessiert's schon? Ich bin schon ewig hier, habe keinen Bezug mehr zu früher und keine wirklichen Erinnerungen daran... Das Gefängnis ist alles, was ich kenne - so wie der alte Brooks im Film "Die Verurteilten", nur dass ich erst 38 bin! So sehr ich es auch versuche, alle meine Ansichten und Meinungen... führen irgendwie immer wieder zurück zum Gefängnis. Den wenigen, denen ich schreibe, antworte ich selten mit mehr, als in ihrem Brief stand – das lässt wenig Raum für interessante Entwicklungen… Mehr zu schreiben, macht mir Angst, und ich will sie sicherlich nicht verschrecken. Gleichzeitig möchte ich auch nicht Desinteresse an ihrem Leben, ihren Ansichten und Meinungen zeigen… Aber wenn ich zu viel zeige, antworten sie vielleicht gar nicht mehr… Das Stigma des Gefängnisses ist schwer zu überwinden, wenn man nur per Brief kommuniziert. Mein Weltbild speist sich aus dem, was ich gelesen habe, und meinem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher. Ich habe versucht, mich über meinen Schulabschluss hinaus weiterzubilden, aber ich habe eigentlich nichts Wertvolles zu bieten – außer meinem Wissen über ein Leben, von dem die wenigsten überhaupt wissen, dass es existiert. Offensichtlich hat man nur wenig gelernt, was dem Titel entspräche... und doch hat man mehr verstanden als die meisten jemals werden. Es brauchte über 50 Seiten Entwürfe, um nur bis hierher zu kommen. Um zu begreifen, wie der Todestrakt wirklich ist, muss man erst etwas vom Leben verstehen – diesem Leben, das man „im Todestrakt führt“. Die Todesstrafe zieht viele Opfer nach sich – darunter sowohl diejenigen, die gegen ihre Anwendung kämpfen, als auch jene, die ihre vermeintlichen Vorteile verteidigen. Kurz nachdem ich eine Anwältin kennengelernt hatte, wurde mir etwas bewusst – bei einem Besuch fragte sie, was mit dem Süßigkeitenautomaten am Haupttor passiert sei... Da ich noch nie am Haupttor war, konnte ich nur lächeln. Doch sie erzählte, sie freue sich immer auf die kleine Tüte Gummibärchen aus diesem Automaten, wenn sie geht... An diesem Abend dachte ich viel über sie nach. Sie beschäftigt sich täglich mit dem Tod – Klienten wie mich, manche schlimmer dran, manche besser, einige, bei denen ihre ganze Arbeit kaum Chancen bringt, und andere, die ihre Hilfe gar nicht erst zulassen. Dann gibt's noch die Gesellschaft und diejenigen, die ihren Beruf verachten... Sie ist stärker als ich, und doch fand sie Trost in einer einfachen Tüte Gummibärchen. Seitdem nenne ich sie nur noch "Gummibärchen". Die Todesstrafe mag uns so viel nehmen – aber diese kleinen Momente des Trostes bleiben uns allen. Dann sind da natürlich die Mordopfer selbst und ihre Familien. Man hat mich einmal nach meiner Reue gefragt... Ob ein Mann nun schuldig gesprochen wurde, für unschuldig befunden wurde oder vielleicht seine Unschuld beteuert - die eigentliche Frage lautet: Was ist genug? Was ist zu wenig? Was ist zu viel? Wann kann man heilen? Wenn man versucht auszudrücken, was man fühlt, sagt die Gesellschaft: "Er simuliert nur" oder "Er zeigt nicht genug Reue", "Das ist nicht echt". Die Gesellschaft will es sehen, will es hören – doch sie stellt stets seine Aufrichtigkeit infrage. Ich habe beschlossen, es in mir zu tragen; es ist ein Schmerz jenseits aller Beschreibung, unabhängig von deinem Schuldgrad. Es gibt Nächte, in denen er dich wach hält oder dich aufschrecken lässt, nur um festzustellen, dass dein Kissen von Schweiß und Tränen durchnässt ist. Ich saß in Gerichtssälen, während die Familien der Opfer mich mit Blicken durchbohrten – erfüllt von Wut, Hass und Schmerz. Man möchte sich umdrehen und sagen: "Es tut mir leid..." Deine Anwälte spüren das ebenso. Man möchte ihnen allen sagen, wie leid einem ihr Verlust tut, ihr Schmerz. Der Grad deiner Schuld ändert nichts an deiner Menschlichkeit – egal, welches Leben du geführt hast. Ich verstecke meine Reue nicht absichtlich – ich empfinde sie, aber ich halte sie in mir verschlossen. Es gibt bereits genug Opfer. Ich kann kein Leben zurückbringen, egal auf welche Weise es genommen wurde. Aber ich kann diejenigen, die mir am nächsten stehen, vor weiterem Schmerz bewahren – vor Schmerz, den ich verursachen würde, wenn ich meine Reue offen zeigen würde. Das zumindest ist meine Überzeugung. Als man mir die Gelegenheit gab, diesen Artikel zu schreiben, sagte man mir: „Wenn Sie ein paar Seiten schreiben wollen, tun Sie es bitte". Daraus wurden mehr als ein paar... Ich hätte euch einfach den Alltag beschreiben können: Wie Floridas Todestrakt nur zweimal pro Woche Hofgang erlaubt, je zwei Stunden, wenn das Wetter mitspielt. Oder dass es dreimal wöchentlich Duschen gibt, fünf Minuten pro Person. Wie diese drei Unterbrechungen wochenlang die einzige Zeit außerhalb der Zelle sein können. Wie du jedes Mal, wenn du die Zelle verlässt, dich komplett entkleiden, die Ohren anfassen, dich bücken, die Pobacken spreizen, dich umdrehen, die Füße heben, den Mund öffnen musst... nur um dich dann wieder anzuziehen... Dann werden dir Handschellen auf den Rücken angelegt, um dich irgendwohin zu bringen, manchmal auch mit Fußfesseln. Oder wie du außer einem Wärter und dem Essensboten vielleicht wochenlang kein anderes Gesicht siehst - bis zur Dusche, wo jeder "Hey, was geht?" sagt, wenn wir an den Zellen vorbeigehen... Jeder Trakt hat zwei Seiten, zwei Stockwerke, sechs Flügel, vierzehn Zellen pro Seite, alles abgeschottet, sodass kaum Geräusche durchdringen... 2,10m x 2,70m große Zellen mit Gitternetzen, die es unmöglich machen, selbst ein Foto mit dem Nachbarn zu teilen. Oder wie die Behörden versuchten, die Kontaktbesuche abzuschaffen - diese seltenen Orte, wo die Fesseln für sechs Stunden abgenommen werden und man sich wieder menschlich fühlen darf. Orte, an denen Kinder - wenn ich das Glück habe hinzugehen - immer zu meinem Tisch kommen und fragen, ob ich ihnen einen Teddybär oder nur eine Blume malen kann... Gestern hatte ich wieder dieses Glück, und am Ende des Tages, nachdem die Besucher gegangen waren, wurden wir zur "Ankleidezelle" gebracht, wo wir die ganze Demütigungsprozedur noch einmal durchlaufen mussten. Als ich aufblickte, sah ich das Gesicht eines Kindes, das mit kleinen Händen gegen das Fenster gedrückt versuchte zu sehen, was mit ihrem Papa passiert, nachdem es ihn jede Woche verlassen muss... Im Todestrakt herrscht eine Routine, in der die Stille genauso ohrenbetäubend sein kann wie der Lärm... Es ist ein Ort, an dem die Gesellschaft oft sagt, dass die Routinen nicht genug sind oder zu viel... Ich hätte euch all diese Dinge beschreiben können, doch Routinen vermitteln nicht, wie der Todestrakt wirklich ist. Der Todestrakt lässt sich nicht in Worten messen... Vergesst bitte nie: Hier sitzen Menschen. "Mord" mag die Anklage sein – doch nach einer Hinrichtung steht auf dem Totenschein des Gerichtsmediziners unter Todesursache ebenfalls "Mord"... Mark A. Davis #106014 Wenn Sie mit Mark Kontakt aufnehmen möchten, schreiben Sie eine entsprechende Email an uns: info@ihfl.de |
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E Pluribus Unum* Ein paar Gedanken von Mark A. Davis, 2004 *„Aus vielen eines“; ist der Wappenspruch im Großen Siegel der Vereinigten Staaten |
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Ein pompöser Titel für einen äußerst ernsten Kurs... Ob Sie Freund oder Feind des Henkers sind - Sie werden eine Erfahrung machen! Ich kann nur hoffen, dass Sie die Integrität, mit der Ihnen dieses Thema vermittelt wurde, bewahren... Ihr Leben lang! Was meine Worte zu Ihrem Lehrplan beitragen werden – wer weiß! Ich beginne damit, dass ich ein 40-jähriger weißer Todestraktinsasse hier in Florida bin, verhaftet 1985, verurteilt 87... zum Tode verurteilt für Mord/Raub an einem 54-jährigen Mann. Dachte, ich werfe das ein – die meisten fragen sich natürlich, wer das Opfer war. Der Vergeltungsfaktor. Sie können rechnen, aber ich mach's Ihnen leicht: Ich war zwei Monate vor meinem 22. Geburtstag bei der Verhaftung, und drei Monate in meinem 23. Lebensjahr, als ich tatsächlich im Todestrakt landete. Sicher in Ihrer Altersgruppe, nehme ich an. Mein erster Beitrag für einen dieser Kurse war ein Aufsatz mit dem Titel „WIE ES IM TODESTRAKT IST“ (2002). Tatsächlich enthält dieser Aufsatz einen Fehler: Die erste Hinrichtung nach meiner Ankunft fand im August 87 statt, nicht im Dezember (Anm.d.Red: Beauford White, hingerichtet am 28. August 1987) Zum Glück kann ich meine Fehler – anders als die fatalen Irrtümer in Todesstrafenverfahren – mit einem einfachen „mein Fehler“ korrigieren. In wenigen Wochen, am 4. Februar 08, steht übrigens die nächste Hinrichtung an. Jemand, den ich gut kenne – wir waren einst Nachbarn. Wir unterhielten uns über Ländergrenzen hinweg, unsere Geschichten waren große Abenteuer, bei denen wir beide die Wahrheit dehnten, aber dennoch packend erzählten. Eine Wahrheit, die wir beide kannten: Bei all unseren imaginären Reisen waren wir froh, nicht in Texas zu sein! Ein Staat der beweist, dass die Todesstrafe keine Abschreckung ist! Ständige Hinrichtungen, doch die Todestrakt-Bevölkerung wächst weiter. Verdammt, in Texas haben Opferrechtsgruppen sogar erreicht, dass Opfer aus den „Opfer-Lounges“ (in verschiedenen Gerichtsgebäuden) verbannt werden, wenn sie sich gegen die Todesstrafe für „ihren“ Täter aussprechen! Aber das Verrückteste, was ich höre, ist dies: Wenn jemand 15–20 Jahre absitzt, bevor seine Unschuld bewiesen wird, sagt immer irgendwer, das beweise, dass das System funktioniert! Hier ist ein Szenario für die Frauen, die dies lesen: Ihr seid an der Uni, geht auf eine Verbindungsparty, und irgendein Arsch macht euch an. Es eskaliert, ihr stoßt ihn weg – er stolpert, fällt, rappelt sich auf, und alle haben die Szene gesehen... Der Abend geht weiter, und als ihr Stunden später geht, parken überall Autos. Ihr schlängelt euch durch, sucht eures, stolpert und fallt über etwas... Ihr tastet, greift einen blutverschmierten Baseballschläger und merkt, dass ihr auf jemandem liegt, der zu Brei geschlagen wurde. Ihr schreit, Leute kommen angerannt – und finden euch da, blutverschmiert, Schläger in der Hand, auf demselben Typen sitzend, den ihr früher an dem Abend schon umgestoßen habt. Du bist hysterisch, als sie dich abführen. Du wirst verhaftet – deine Fingerabdrücke am Schläger, überall. Und landest im Todestrakt. 15–20 Jahre bist du hier, bis der Gerechtigkeit die Augen aufgehen und du freigesprochen wirst... Schüttle nur den Kopf, sag ruhig „Ich hätte dies...“, „Ich hätte das...“ – wirf all diese Fragen und Ausreden über Bord, denn das ist alles, was sie sind. Du hast 15–20 Jahre geschrien, geweint, und nichts hat etwas geändert. Du wusstest von deiner tatsächlichen Unschuld, doch alles prallte an tauben Ohren ab. Das ist die wahre Bedeutung von Entlastung: Du hast es einfach nicht getan. Punkt. Warum bekommst du dann immer noch diese komischen Blicke...? Es ist keine Gerechtigkeit, ein Leben in der Schwebe zu halten. Der Todestrakt lastet spürbar auf einem – eine kaum zu überbietende Grausamkeit... Ist lebenslange Haft gerecht? Für Entlastete natürlich nicht. Doch wenn nur noch die Schuldfrage zu klären ist, dann ist dies das Allerschlimmste, pure Bestrafung. Die Gesellschaft will Vergeltung: Gebt einem Mann lebenslang ohne Chance auf Bewährung in einen 2x3 Meter-Käfig und sagt ihm, dass er sich jedes Mal beim Verlassen umdrehen und seine Pobacken spreizen muss... Die Leute fragen Entlastete immer, ob sie „verbittert“ seien – wärst du es nicht? Doch diese Frage wird nur gestellt, um das eigene Schuldgefühl für die gesellschaftlichen Taten zu verbergen, nehme ich an? Verdammt richtig, ich wäre verbittert – und die, die fragen, sollten es auch sein... ob Freund oder Feind des Henkers, denn es ist ihre Stimme, die diese Debatte anheizt, da sie von Politikern und anderen angepriesen wird... Die Tötungsmaschinerie ist unvergleichlich – kein Hollywood-Requisitenabteilung könnte sie erschaffen. Ihre Realität ist hässlich und widerspricht jeder Vernunft. Nun, ein paar Abschiedsworte wären angebracht, doch mir fallen kaum welche ein. Heute habe ich sie, morgen wahrscheinlich auch – und danach? Wir werden sehen. Hört heute genau zu, schließt euer Studium ab, und erhebt eure Stimmen... Wenn ihr die Welt retten wollt, ist das zwischen euch und eurem Gott. Wenn ihr sie ein wenig aufrütteln wollt, schreibt mir. Frieden Mark A. Davis #106014 Wenn Sie mit Mark Kontakt aufnehmen möchten, schreiben Sie eine entsprechende Email an uns: info@ihfl.de |
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WIE ES IM TODESTRAKT IST, 2.0 Von Mark A. Davis Oktober 2018 |
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"Tiefer in die Eingeweide einer Scheißexistenz" – das beschreibt am besten die 2.0-Version meiner Realität: Floridas Todestrakt. Während ihr dies lest, gehe ich davon aus, dass ihr "Wie der Todestrakt wirklich ist" (2002) gelesen habt – mein erster Versuch, diesen Ort zu erklären. Man hat mich mehrfach gebeten, dieses Update zu schreiben. Im Kern hat sich wenig verändert, persönlich schon – manches zum Guten, manches zum Schlechten... Obwohl "schlechter" ein hartes Wort ist, wenn man über den Verlust von Leben spricht. Die Existenz im Todestrakt ist hart, auf beiden Seiten der Gitter. Brieffreunde werden nachlässig, Familien distanzieren sich, Themen verblassen, Gesetze ändern sich. Das Leben kann sich manchmal schlimmer anfühlen – aber um zu überleben, muss man es ertragen, verstehen und einfach weitermachen! Mein eigenes Todestrakt-Dasein verbringe ich größtenteils mit Kunst – male Landschaften, versuche, der Realität zu entfliehen... Mein Fall zieht sich natürlich weiter hin, zwei Schritte vor, zwei zurück, manchmal in der Schwebe. Ich habe Familienmitglieder verloren, Freunde... einige durch Hinrichtungen, einige durch eigene Hand. Zeit abzusitzen zehrt an einem, aber Todestrakt-Zeit richtet Verwüstung an... Jeder muss einen Weg finden, weiterzumachen. Alles, was du tust, wird nicht nur zum Überlebenswerkzeug für den nächsten Tag – wenn du Glück hast, gibt dir heute etwas den Antrieb, das Morgen überhaupt erleben zu wollen. Es trifft immer noch zu, dass ich wenig Post erhalte. Menschen kommen und gehen, Studenten, mit denen ich schreibe, verschwinden mit dem Semesterende. Ich versuche, nicht daran zu denken – ich will meinen eigenen Wert nicht infrage stellen... Wir werden für immer nicht durch das definiert, wer wir sind, sondern durch eine einzige Tat: unser Verbrechen... Mord! Meiner liegt 33 Jahre zurück. Ich war erst 21. Ich bin definitiv nicht mehr diese Person, doch leider bin ich immer noch dabei, herauszufinden, wer ich bin. Meine Vorgeschichte ähnelt der vieler hier – vergleichbare Vergangenheiten, aber auf ihre Weise auch einzigartig. Der Todestrakt besteht aus vielen Geschichten. Ich war schon früh ein Versager, pendelte zwischen Jugendknästen und Gefängnissen. Nichts Außergewöhnliches gibt es aus meinem Leben vor dem Todestrakt zu berichten. Ich machte meinen Schulabschluss (G.E.D.) im Knast, jobbte mich durch – vom Hochseefischen bis zum Verkauf von Lucky-Hotdogs auf der Bourbon Street. Egal, ob man ein erfülltes Leben vorher hatte oder ein Leben mit Briefen, Besuchen und Unterstützung von außen – der Todestrakt entmenschlicht dich vollends. Du öffnest morgens die Augen, nur um brutal in die Realität zurückgeschleudert zu werden: Du bist hier. Du hast ein Todesurteil über dir. Es liegt an dir, wie schwer es heute auf deinem Geist lasten wird... Ich habe im Laufe der Jahre die letzten Minuten vor zahlreichen Hinrichtungen ritualisiert durchlebt, um mich darauf vorzubereiten, wie ich damit umgehen könnte. Heute ist alles, was ich habe – und selbst das ist nie sicher. Die weißen Hemden könnten jederzeit an meine Tür kommen, um mir zu sagen, dass mein Hinrichtungsbefehl unterzeichnet ist. Ein Termin festgelegt. Was dann? War alles Leben umsonst? Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und ungeschehen machen, was ich getan habe. Mein Tod mag für manche einen Abschluss bringen – doch der Schmerz bleibt immer, und neuer Schmerz wird über meine Familie und Freunde kommen, wenn ich sterbe. Der Kreislauf ist grausam. Meine täglichen Gedanken schweifen weit. Wir sehen tatsächlich fern, hören Musik, gehen manchmal in den Hof. Sport ist unser gemeinsamer Nenner. Es gibt auch einen Gerichtskanal mit mündlichen Verhandlungen unseres Obersten Gerichtshofs – das weckt den Gefängnis-Juristen in uns allen, ob wir nun die Anwälte kritisieren oder die Rechtslage diskutieren... Wir sprechen mit unseren "Stimmen"... Denn außer im Hof oder wenn jemand an der Zelle vorbeigeht, siehst du niemanden. Du hörst nur Stimmen. Du lernst, diese Stimmen zu lesen. Du erkennst, wenn jemand deprimiert ist, aufgeregt oder einfach einsam und gehört werden will. Der Trick ist, sich davon nicht den Tag ruinieren zu lassen – und wenn möglich, denen um dich herum etwas Unterstützung zu geben... Hier gibt es alle Arten von Menschen. Ich war Handball-Partner von Ted Bundy, habe mit Danny Rolling gelacht – berüchtigt für ihre Brutalität, aber für mich in dieser Umgebung einfach nur Männer. Versteht mich nicht falsch: Wir haben eine Hackordnung, unsere Maßstäbe sind hoch. Doch während wir übereinander urteilen, wissen wir alle, dass die Gesellschaft uns als gleich abstempelt. Ich habe miterlebt, wie scheinbar wasserdichte Fälle Jahre später zusammenbrachen und Unschuld bewiesen. Ich habe auch viele gesehen, die weit Schlimmeres angelastet bekamen, aber nie zum Tode verurteilt wurden. Ich kann mir nicht vorstellen, einen einzigen Tag – geschweige denn Jahre – in dieser Zelle zu sitzen und unschuldig zu sein. Unschuldig bin ich nicht; "nicht schuldig im Sinne der Anklage" ist meine Position. Die Öffentlichkeit sieht uns alle als schuldig, schuldig, schuldig – "Gott habe Gnade mit deiner Seele". Ja, das sagen sie wirklich, zumindest sagten sie es zu mir. Ich erinnere mich an 1985: Ich saß im Joliet Correctional Center in Illinois, wegen eines Bewährungs-Verstoßes und in Auslieferungshaft für diese Anklage. Ich hatte meinen alten Job im Anbau wiederbekommen, druckte Ausweise und half bei der Aufnahme neuer Häftlinge. Es hieß, ein Mann aus DuPage County sei auf dem Weg zu Illinois’ Todestrakt. Er wurde von einem Trupp Wärter hereingeschleust, die Situation war angespannt. Aber ich bin ein Mitgefangener und versuchte, die Dinge zu entschleunigen. Ließ mir Zeit mit seinen Daten, machte ihm einen Kaffee, redete so lange wie möglich – um ihm ein wenig Menschlichkeit zu zeigen. An diesem Tag tat das sonst niemand. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich an jenem Tag so gehandelt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er die Vergewaltigung und Ermordung eines 10-jährigen Mädchens begangen haben soll. Ich bin nur ein Mensch wie ihr alle... Jahre später, als ich selbst in einer Todestraktzelle saß, tauchte sein Gesicht auf dem Fernseher auf. Er wurde freigelassen – unschuldig an allen Anschuldigungen. Kirk Bloodsworth in Maryland war der erste durch DNA-Tests rehabilitierte Häftling dieses Landes. Ich weiß nicht, wo Cruz auf dieser Liste steht, aber ich weiß, dass die Liste ständig wächst... Es erschaudert mich, wie viele nicht lange genug lebten, um die DNA-Tests zu erleben. Es ist absurd: Der Staat verteidigt leidenschaftlich Überführungen durch DNA-Beweise, kämpft aber ebenso aggressiv dagegen, dass jene, die vor dieser Entdeckung verurteilt wurden, davon profitieren – oder deren Verteidiger während des Prozesses eingeschlafen sind oder es versäumten, solche Tests zu beantragen. Ich bin dankbar, dass ich den Menschen vor mir sah – nicht das Verbrechen. Es erschaudert mich, an sein Dasein zu denken: Angeklagt eines grauenhaften Verbrechens, konfrontiert mit den Schrecken dieses Ortes... und doch wissend, dass er unschuldig war. Ich kann euch nur tiefer in die Höhen und Tiefen dieser Eingeweide führen. Grundlegend hat sich nichts verändert seit meinem Aufsatz „Wie der Todestrakt wirklich ist“ – und solange es den Todestrakt gibt, wird sich auch nichts ändern. Die Gesellschaft ist von Angst zerfressen, nicht von der Realität geleitet. Sollte sie je der Realität ins Auge sehen, wird man erkennen: Der Tod ist keine Lösung. Zu viele unkalkulierbare Risiken. Der Todestrakt zerstört Menschen – auf beiden Seiten der Gitter, von Anfang an und für immer. Lebenslang ohne Bewährung lässt nicht nur Raum für Irrtümer, es ist auch kein Spaziergang. Es ist eine Strafe, die viele meiner Brüder als schlimmer als den Tod empfinden... Eine vollstreckte Todesstrafe ist nur ein weiteres Loch in der Erde. Eine Todestrakzelle ist lediglich ein unmenschlicher Käfig darüber. Sechzehn Jahre nach meinem letzten Aufsatz bin ich immer noch hier und versuche durchzuhalten. Jeden Tag erwarte ich ein „Computer-Tablet“ – wir werden hochtechnologisch. Ich hoffe, dass es einige Familien und Freunde motiviert, in Kontakt zu bleiben, aber ich fürchte die Möglichkeit, dass Tablets zu reinen Video-Besuchen führen könnten. Das Leben ist schon Hölle genug, aber ohne echte persönliche Besuche... nun, das ist ein Gedanke, den ich nicht denken möchte. An einem Ort, wo sich kaum etwas ändert, würde uns das alle zerstören. Weitere bemerkenswerte Veränderungen seit 2002? Nicht viele – außer bei den Hinrichtungsmedikamenten. Sie kriegen es einfach nicht hin. Fehlgeschlagene Exekutionen gab es in den letzten 16 Jahren zuhauf. Firmen weigern sich, die benötigten Substanzen zu verkaufen, Staaten experimentieren herum – zur Hölle, sie haben sogar vorgeschlagen, wir könnten uns unsere eigene Methode aussuchen, wenn wir mit ihrer nicht einverstanden sind. Natürlich hat das niemand getan, zumindest nicht nach meinem Wissen... Ich weiß, dass einige Bundesstaaten den Einsatz von Stickoxid prüfen – oder ist es Stickstoff? Ich bin nicht sicher. Ich glaube, eines davon ist Lachgas. Was für eine Ironie das wäre... Diese Änderungen sind ein ständiges Hin und Her. Man könnte es, wie Oberster Richter Harry Blackmun bei seiner Pensionierung 1994 sagte, als „Herumbasteln an der Tötungsmaschinerie“ bezeichnen... Meine Frage ist: Wenn man weiß, dass man nur „herumbastelt“ – wie kann man je sicher sein, dass man es richtig macht?... Und damit muss ich schließen und mich selbst durch den Rest dieses Tages basteln – in der Hoffnung, dass es ein Morgen gibt. Mark A. Davis #106014 Wenn Sie mit Mark Kontakt aufnehmen möchten, schreiben Sie eine entsprechende Email an uns: info@ihfl.de |